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Soziales: Bei einer Podiumsdiskussion im Atlantis-Kino tauschen sich Betroffene mit Experten aus der Suchthilfe aus

Kinder aus Suchtfamilien erzählen

Von unserem Redaktionsmitglied Agnes Polewka

Daniela atmet tief durch. "Mir hätte es geholfen, wenn jemand meinen Eltern in den Hintern getreten hätte". Familie, Bekannte und Freunde sahen zu, wie sich Danielas Mutter und ihr Vater mit Alkohol und Drogen zudröhnten. Tag für Tag. Abend für Abend. Eingeschritten sei niemand. Im Atlantis-Kino spricht die junge Frau über ihre Kindheit, erzählt Fremden von ihrem Schicksal. Anlass ist die bundesweite Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien.

Ihr Alter und ihren vollen Namen gibt Daniela nicht preis. Muss sie auch nicht. Viel wichtiger ist das, was sie erlebt hat. Was so viele Kinder erleben. "In Deutschland wachsen 2,6 Millionen Kinder in Familien auf, in denen mindestens ein Elternteil süchtig ist", sagt Astrid Zapf-Freudenberg vom Baden-Württembergischen Landesverband für Prävention und Rehabilitation. Zapf-Freudenberg moderiert die Podiumsdiskussion, bei der Daniela und Sheila - zwei Betroffene - mit Experten aus Politik, Jugendarbeit und Suchthilfe über das Thema sprechen. Knapp 60 Augenpaare sind auf das Podium gerichtet. Alte und junge Menschen haben auf den roten Plüschsesseln Platz genommen. Ein Mädchen kuschelt sich in der letzten Reihe an ihre Mutter. Etwas weiter vorne sitzt ein älterer Mann in einer Ecke, in der es nach Alkohol riecht.

"Kinder, die in solchen Verhältnissen aufwachsen, sind etwas Besonderes", sagt Hella-Talina Tatomir vom Drogenverein. Sie müssten schon früh lernen, schnell und flexibel zu reagieren. "Sie entwickeln ein feines Gespür für unberechenbare Situationen in ihrer Familie." Eins gelingt ihnen aber fast nie: auszubrechen und auf das Problem in ihren Familien aufmerksam zu machen. Ganz im Gegenteil. "Als Kind in einer solchen Familie ist es das Wichtigste, dieses Familiengeheimnis aufrechtzuerhalten", erzählt Sheila.

Wer betroffen ist, bemüht sich, den schönen Schein von der heilen Familie zu wahren. "Deshalb ist es wichtig, dass jemand von außerhalb in diese Blase hineinpikt", sagt Sheila heute, im Rückblick, als Erwachsene. In ihrer Kindheit gab es wenige Momente, in denen sie Kind sein konnte. "Ab und zu, da hat eine Tante mich genommen, das hat mir damals sehr geholfen", erinnert sich die junge Frau.

In Mannheim gibt es zwei Anlaufstellen, die sich um Kinder aus suchtkranken Familien kümmern: der Drogenverein und die Caritas-Suchtberatungsstelle - mit unterschiedlichen Ansätzen.

Bei der Caritas liegt der Schwerpunkt auf der Gruppenarbeit. "Dort lernen die Kinder, dass sie nicht die Einzigen sind und keine Schuld an der Sucht ihrer Eltern tragen", sagt Sozialarbeiterin Annett Rönnau. Beim Drogenverein liegt der Fokus auf Präventionsarbeit. "Wir bieten unter anderem eine Schwangerschaftsberatung und ein Erziehungskompetenztraining an", sagt Tatomir.

© Mannheimer Morgen, Samstag, 15.02.2014

Aktionswoche

Die Aktionswoche für Kinder aus Suchtfamilien wurde zum fünften Mal von "NACOA - Interessenvertretung für Kinder aus Suchtfamilien" organisiert.

In Mannheim fanden zwei Veranstaltungen statt: eine Lesung sowie die Podiumsdiskussion, bei der vorab der Film "Nichts für Kinder" mit Interviews Betroffener gezeigt wurde.